
molibso: Ulrich, wir haben uns in diesem Jahr auf der OTWorld in Leipzig kennengelernt. Wenig später durften wir bereits an einem Treffen deines Netzwerks teilnehmen. Was war dein Gedanke dahinter, molibso einzuladen?
Ulrich Clausen: Der Kontakt kam über Alfred Klindwort vom gleichnamigen Unternehmen aus Bad Schwartau. Noch auf der Messe hat mir Jens Hollenbacher die Bewegungsanalyse und das Konzept mit dem Sanitätsfachhandel ausführlich erläutert. Ich fand es schlüssig und habe mich dann mit einigen Vital-er-leben Partnern ausgetauscht. Alle waren sich einig, molibso einzuladen.
Gemeinsam stärker: Die Idee hinter vital-er-leben
molibso: Du hast Vital-Er-Leben gegründet, um Unternehmen der Hilfsmittelbranche miteinander zu vernetzen. Welche Lücke hast du damals gesehen und warum war dir dieses Netzwerk wichtig?
Ulrich Clausen: Ich kannte mich mit der Moderation von Erfolgsteams aus. Nachdem ich einige Jahre in anderen Branchen unterwegs war, hatte ich den Wunsch, in die Hilfsmittelbranche zurückzukommen. Im Frühjahr 2010 habe ich dann eine umfangreiche Marktanalyse gemacht, u.a. mit über 20 Inhabern von Sanitätshäusern und Lieferanten gesprochen. Da stärkte man mich, meine Idee „Aufbau eines Netzwerkes zum Erfahrungsaustausch” umzusetzen.
molibso: Vital-er-leben gibt es seit mehr als 16 Jahren: Was motiviert dich heute noch jeden Tag, dich für die Branche einzusetzen?
Ulrich Clausen: Ich konnte mich in den Jahren enorm weiterentwickeln, u.a. habe ich eine Ausbildung zum Train-the-Trainer und Business Coach (jeweils über ein Jahr) abgeschlossen und viele Schulungen in Sanitätshäusern gemacht.
Heute motiviert mich, dass viele gut ausgebildete, junge und motivierte Menschen Verantwortung übernehmen und ein Unternehmen leiten. Das zeigt mir, dass unsere Branche Zukunft hat. Da möchte ich meine Erfahrung und mein Wissen teilen.
molibso: Viele Betriebe stehen gleichzeitig vor Herausforderungen wie Fachkräftemangel, Kostendruck, Bürokratie, regulatorischen Vorgaben und Digitalisierung. Was beschäftigt die Unternehmen in deinem Netzwerk aktuell am meisten?
Ulrich Clausen: Aktuell geht es um die Kürzungen der Krankenkassen. Die 3 Prozent Reduzierung auf Hilfsmittel zum 01.01.2027 ist erst der Anfang, möglicherweise kommen kurzfristig weitere Einschränkungen.
Die genannten Punkte treffen auch auf die Vital-er-leben Partner zu. Dabei ist wichtig, dass der Inhaber/die Inhaberin die Resilienz bewahrt und verantwortungstragende Mitarbeiter beschäftigt. Wer als mittelgroßes Unternehmen allein verantwortlich ist, kann schnell an seine Grenzen stoßen.
Dem Fachkräftemangel entgegenwirken
molibso: Trotz des branchenweiten Fachkräftemangels gibt es Unternehmen, die Mitarbeitende gewinnen und langfristig binden können. Welche konkreten Maßnahmen oder Strategien beobachtest du bei diesen Betrieben?
Ulrich Clausen: Ich beobachte, dass das Führungsverhalten dabei eine zentrale Rolle spielt. Wer Verantwortung abgibt, eine kulturelle Identität vorlebt, moderne Arbeitsplätze und Arbeit schafft und dabei noch meistens entspannt und mit einem Lächeln an die Arbeit geht, der hat die Vorteile auf seiner Seite. Natürlich ist es wichtig, wohin das Unternehmen steuert und wie sich ein Mitarbeiter weiterentwickeln kann.
molibso: Gibt es Beispiele aus deinem Netzwerk, bei denen Unternehmen Herausforderungen wie Fachkräftemangel oder Digitalisierung besonders erfolgreich gemeistert haben? Was können andere Betriebe daraus lernen?
Ulrich Clausen: Vor allem ist bei diesen Betrieben die Nachfolge geregelt, denn bei ca. der Hälfte der Betriebe stehen in den nächsten fünf Jahren Veränderungen an oder sind bereits erfolgt. Junge Inhaber führen klarer anhand von Vorgaben und Zielen. Projekte wie Digitalisierung oder die Nutzung der KI machen sie einfach, weil sie wissen, dass die Arbeit dadurch effizienter und für Gleichaltrige interessanter wird.
molibso: Wo verlieren Sanitätshäuser oder Orthopädieschuhtechniker heute noch unnötig Zeit durch manuelle Abläufe oder fehlende digitale Prozesse?
Ulrich Clausen: Da kann ich zahlreiche Beispiele nennen: die Abrechnung, die Erstellung von Kostenvoranschlägen, Nutzung des Potentials der Branchensoftware oder per Schnittstelle angebundene Software, sinnvolle Einbindung der KI, Nutzung von CRM Tools, um bestehende Kunden stärker zu binden.
molibso: Viele Betriebe wissen, dass sie sich digitaler aufstellen müssen. Warum fällt die Umsetzung in der Praxis trotzdem oft schwer?
Ulrich Clausen: Es sind völlig neue Themen, mit denen sich die Inhaber und Führungskräfte bisher nicht beschäftigt haben. Nicht jeder ist gleich offen für Veränderungen, denn dafür muss ich erstmal meine Komfortzone verlassen. Hier sind jüngere Kollegen im Vorteil.
Prozesse wichtiger als Hardware
molibso: Wenn ein Betrieb heute nur begrenzte Ressourcen für Veränderungen hat: Sollte er zuerst in Technologie investieren oder zunächst bestehende Prozesse analysieren und optimieren? Warum?
Ulrich Clausen: Es ist wichtig, sich zunächst mit den Prozessen zu beschäftigen. Erst dann kann man beurteilen, welcher Prozess mein Nadelöhr ist und womit ich beginnen muss. Manchmal ist es auch gut, die Zusammenarbeit mit externen Dienstleistern zu suchen, die neue Impulse und frische Ideen mit einbringen. Das ist auch unser Anspruch in der Zusammenarbeit bei Vital-er-leben.
molibso: Wenn du auf all diese Themen blickst – Fachkräftemangel, Effizienz, Digitalisierung und wirtschaftlicher Druck: Welche Potenziale siehst du künftig in der Zusammenarbeit zwischen Sanitätshäusern und Technologieanbietern wie molibso?
Ulrich Clausen: Gerade durch die fortschreitende Entwicklung großer Betriebe in der Branche müssen regionale Anbieter schauen, wie und wo sie sich abgrenzen. Wichtig dabei ist, das vorhandene Potential der Mitarbeiter und die Wirtschaftlichkeit der angebotenen Leistungen. Dann prüfe ich, bei welchen Leistungen eigene Möglichkeiten bestehen und wo ich die Zusammenarbeit zu Dienstleistern suche. Ich finde, molibso hat dabei ein innovatives und schlüssiges Konzept für Orthopädie- und Orthopädie-Schuhtechnik-Unternehmen entwickelt. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Euch. Die ersten Vital-er-leben Partner haben ja schon ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit signalisiert.
